"Bauern sind Schwankungen gewohnt"
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)
- Datum:
- 14.01.09
Die "Grüne Woche" ist eine Messe, auf der die Stimmung der Bauern deutlich wird. Bundesagrarministerin Aigner glaubt, dass Deutschlands Landwirte gut aufgestellt sind. Noch sei die wirtschaftliche Lage nicht so schlecht wie in der Industrie. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) sprach sich Ilse Aigner auch für mehr nationale Selbstversorgung aus.
Frage: Die Finanzkrise hat die Bauern noch nicht erreicht. Ist die Stimmung auf der Grünen Woche besser als auf einer Automesse?
Antwort: Natürlich geht eine solche Krise nicht unbemerkt an der Landwirtschaft vorüber. Dennoch denke ich, dass die Landwirte gut aufgestellt sind und sich am Markt werden behaupten können. Momentan gibt es keine Anzeichen dafür, dass es die Landwirtschaft ähnlich hart treffen wird wie die Automobilindustrie. Dennoch müssen wir Vorsorge treffen und den Landwirten die Hilfe zukommen lassen, die sie benötigen.
Frage: Auch in der Krise müssen die Menschen essen. Müsste damit die Ernährungswirtschaft nicht automatisch besser durch die Krise kommen?
Antwort: Die Ernährungswirtschaft ist seit jeher größere Schwankungen gewohnt. So haben sich zum Beispiel die Preise von Getreide halbiert. Auch der Fleischmarkt ist extremen Schwankungen ausgesetzt.
Frage: Bauern jammern gern, dieses Mal waren sie aber bescheidener. Bleibt dies so, braucht die Landwirtschaft keine großen Beträge aus dem Konjunkturpaket?
Antwort: Dieses Programm ist nicht Ergebnis eines Wettlaufs zwischen den einzelnen Ressorts. Es geht also nicht darum, wer am meisten bekommt. Die Lage ist schwierig genug, und deshalb haben wir im Paket wichtige Akzente gesetzt. Wir werden diesen Rahmen ausnutzen, um jetzt zu überprüfen, wo wir Belange der Landwirtschaft und der ländlichen Räume zusätzlich unterbringen können. Aber die Bauern profitieren ja auch von der Ermäßigung der Einkommensteuer, dem Kinderbonus, den Bürgschaften und der Senkung des Krankenversicherungsbeitrages.
Frage: Die Milchbauern haben vor fast einem Jahr für höhere Preise gestreikt, letztlich aber nicht viel erreicht. Haben die Milchbauern nun erkannt, dass sie gegen den Markt nicht gewinnen können?
Antwort: Die Lage der Milchbauern ist je nach Region sehr unterschiedlich, weil auch die Strukturen unterschiedlich sind. Die Milch macht mir momentan Sorge, weil die Preise deutlich gesunken sind.
Frage: Aber Sie werden nichts unternehmen?
Antwort: Wir haben in Brüssel das erreicht, was unter schwierigen Bedingungen zu bekommen war. Entscheidend ist, dass wir für die deutschen Bauern einen Milchfonds durchsetzen konnten.
Frage: Es gibt Ärger wegen der sogenannten ESL-Milch, die trotz Erhitzung als Frischmilch angeboten wird. Sehen Sie darin eine Täuschung der Verbraucher, und was wollen Sie unternehmen?
Antwort: Erstens ist es wichtig, dass die Verbraucher transparent informiert werden. Und zweitens muss man überlegen, ob es Milch unterschiedlicher Qualität und zu differenzierten Preisen geben kann. Biomilch ist ja auch teurer.
Frage: Sie werden also Klarstellungen von Molkereien und Handel verlangen?
Antwort: Ich werde das Thema genau unter die Lupe nehmen und prüfen, wie wir die Kunden optimal informieren können.
Frage: Es gibt Prognosen, dass wegen der wieder sinkenden Milchproduktion die Preise im Sommer 2009 steigen. Sehen Sie das auch so?
Antwort: Das wird der Markt zeigen. Die Nachfrage ist ja gesunken, weil die Preise stiegen. Bei geringeren Preisen könnte die Nachfrage wieder zunehmen. Auf die Preise hat die Politik ja keinen Einfluss. Wir haben beim letzten Milchgipfel wichtige Strukturveränderungen eingeleitet, etwa den Zusammenschluss von Molkereien. Das geschieht jetzt zum Teil.
Frage: Getreide ist seit Mitte 2008 erheblich billiger geworden. Besteht die Gefahr einer Konkurrenz zwischen Bioenergie und Nahrungsmitteln weiterhin?
Antwort: Es werden nur zwei bis drei Prozent der weltweiten Flächen für nachwachsende Rohstoffe genutzt. Tank und Teller, beides ist möglich. Es wird auch hier konjunkturelle Effekte geben: Wenn die Preise hoch sind, wird die Diskussion hitziger sein, und wenn die Preise niedrig sind, wird das Thema in den Hintergrund treten. Daher veranstalten wir jetzt auf der Grünen Woche eine Konferenz zur Ernährungssicherung. Denn das wird ein Dauerthema bleiben.
Frage: Es gibt häufig Interessenkonflikte zwischen Bauern und Verbrauchern. Wann würden Sie gegen die Bauern und somit zugunsten der Konsumenten Partei ergreifen?
Antwort: Wenn es zum Beispiel um die Sicherheit von Lebensmitteln geht, dann ist es klar, dass das Ministerium auf Seiten der Verbraucher steht. Aber vom Grundsatz her würde ich sagen: Beides widerspricht sich nicht, sondern beides bedingt sich. Der Verbraucher muss ein Interesse daran haben, seine Versorgung sichergestellt zu sehen mit sicheren und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln - möglichst auch in Eigenversorgung. Und der Landwirt muss ein Interesse haben an einem Markt und daher gute Produkte liefern. Es ist also ein Geben und Nehmen.
Frage: Aber ein Ziel zur nationalen Eigenversorgung haben Sie nicht. Das soll auch der Markt entscheiden?
Antwort: Ich möchte, dass wir einen höheren Selbstversorgungsgrad erreichen, in erster Linie, um unabhängiger von anderen zu sein. Gleichzeitig versuchen wir den Export zu unterstützen und als Türöffner neue Märkte zu erschließen.
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Quelle: Frankfurter Allgemeine Archiv
- Interview mit:
- Bundesministerin Ilse Aigner
- Fragen von:
- Konrad Mrusek

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