Kahlschlag werden wir nicht zulassen
- Datum:
- 09.01.10
Im Interview mit der "Passauer Neue Presse" äußert sich Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner zu Zukunftsaussichten in der Landwirtschaft, Klimaschutzfragen und den politischen Maßnahmen
Frage: Die Lebensmittelpreise sinken. Läuft grundsätzlich etwas schief, wenn Discounter Nahrungsmittel zu Niedrigpreisen anbieten?
Aigner: Wir erleben teilweise einen unerträglich harten Wettbewerb zwischen den Discountern. Ich verfolge diese Entwicklung mit großer Besorgnis. Essen und die Kultur des Essens haben bei uns in Deutschland leider einen nicht so großen Stellenwert wie in anderen Ländern. Ich setze mich dafür ein, dass Lebensmittel auch bei uns wieder eine höhere Wertschätzung bekommen. Das hat etwas mit dem Bewusstsein eine jeden Einzelnen zu tun, es ist eine Frage des Preises, aber vor allem auch der Qualität. Wenn nur noch der Preis regiert, geht das irgendwann zu Lasten der Qualität und damit zu Lasten der Verbraucher.
Frage: Werden wir in Deutschland in zehn, zwanzig Jahren noch Landwirtschaft haben, so wie wir sie heute kennen?
Aigner: Auch in Zukunft werden wir große, kleine und mittlere Betriebe haben. Unabhängig von der Betriebsgröße ist entscheidend, ob die Zeichen der Zeit erkannt werden. Innovativ sein, neue Geschäftsfelder suchen und anpacken - das ist die Erfolgsformel für die Landwirtschaft. Viele Bauern können allein über die Erzeugung von Lebensmitteln ihr Einkommen nicht mehr gewährleisten und übernehmen zusätzliche Aufgaben in der Landschaftspflege, im Tourismus und mit der Produktion Nachwachsender Rohstoffe.
Frage: Sie rechnen mit weiterem Höfesterben?
Aigner: Wir haben in den letzten Jahren einen kontinuierlichen Strukturwandel in der Landwirtschaft erlebt. Jedes Jahr wurden ungefähr drei Prozent der Höfe aufgegeben - teils auch, weil kein Nachfolger gefunden wurde. Ich muss leider davon ausgehen, dass sich diese Entwicklung noch fortsetzen wird. Wir arbeiten dauernd an einer Verbesserung der Rahmenbedingungen, damit diejenigen, die weitermachen wollen, das auch können und wir unsere strukturelle Vielfalt in Deutschland erhalten.
Frage: 2009 war ein schwarzes Jahr für viele Bauern. Wird 2010 besser?
Aigner: Wir unterstützen die Landwirtschaft in dieser schwierigen Lage mit einem Sonderprogramm. Und auf den Märkten gibt es positive Signale: Momentan ziehen die Preise für viele Agrarprodukte an, nicht nur bei Milch. Das ist eine gute Nachricht. Wir hoffen, dass sich die Lage weiter stabilisiert.
Frage: Kurzfristig hat Schwarz-Gelb ein Sonderprogramm für die Landwirtschaft auf den Weg gebracht. Werden Sie darüber hinaus noch tätig werden, etwa Risikorücklagen der Bauern steuerlich fördern?
Aigner: In der Landwirtschaft sind die Schwankungen der Preise extremer als anderswo in der Wirtschaft. Wir hatten in unserem Regierungsprogramm eine steuerliche Risikorücklage vorgesehen, leider gab es dafür bei den Schlussverhandlungen für den Koalitionsvertrag keine Mehrheit. Wir werden sehen, ob es dafür im Laufe der Wahlperiode noch Spielraum gibt. Jetzt kümmern wir uns erst einmal um die Umsetzung unseres Sonderprogramms für die Landwirte. Da geht es um ein Volumen von insgesamt 750 Millionen Euro für 2010 und 2011. Hinzu kommen über den europäischen Milchfonds einschließlich nationaler Kofinanzierung bis 2013 weitere 1,2 Milliarden Euro. Unter dem Strich werden damit in den nächsten Jahren zwei Milliarden Euro mobilisiert. Das wird der deutschen Landwirtschaft einen kräftigen Schub geben.
Frage: Der Agrarsektor wird mit Milliarden gefördert, was Umweltschützer massiv kritisieren. Selbst das Umweltbundesamt fordert verbindliche Klimaschutzziele für die Landwirtschaft. Besteht hier Nachholbedarf?
Aigner: Mögliche Beiträge der Landwirtschaft zum weltweiten Klimaschutz werden uns auch auf der Grünen Woche und auf dem Agrarministergipfel beschäftigen. Es geht konkret um neue Bewirtschaftungsmethoden, die klimafreundliches Produzieren möglich machen. Aber ich warne davor, bei dem Thema Klimaschutz immer nur mit dem Finger auf unsere Bauern zu zeigen. Land- und Forstwirtschaft tragen bereits jetzt viel zur Reduzierung von Treibhausgasen bei. Das wird leider oft vergessen. Außerdem müssen wir berücksichtigen, dass die weiter wachsende Weltbevölkerung auch in Zukunft ernährt werden muss.
Frage: Stimmt die Formel "Weniger Fleischkonsum gleich mehr Klimaschutz".
Aigner: Gesunde Ernährung ist immer sinnvolle Ernährung. Regionale und saisonale Produkte zu kaufen - das ist das beste, was man tun kann. Es müssen nicht zu jeder Jahreszeit Erdbeeren sein. Ich kann auch gut auf Spargel außerhalb der Spargelsaison verzichten. Und was Fleisch angeht: Ich habe hier nie zum Verzicht geraten. Fleisch, Fisch, Milch und Brot, zudem natürlich Obst und Gemüse sind Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung.
Frage: In der EU gibt es Überlegungen für eine obligatorische Klima-Kennzeichnung. Der CO2-Ausstoß zur Herstellung eines Lebensmittels soll auf der Verpackung nachzulesen sein. Eine gute Idee?
Aigner: Das ist ein charmanter Vorschlag. leicht umzusetzen ist er nicht. Da sehe ich jedenfalls große Schwierigkeiten, mit denen wir uns noch intensiv auseinander setzen müssen. Je weiter ein Lebensmittel durch die Lande transportiert wird, desto mehr CO2-Ausstoß. Wie lässt sich das für jede einzelne Verpackung dokumentieren? Noch schwieriger wird es bei zusammengesetzten Lebensmitteln, Fertiggerichten zum Beispiel. Die Zutaten kommen oft aus verschiedenen Ländern über die unterschiedlichsten Transportwege und -mittel. Beim Thema Lebensmittel und Klimaschutz ist der gesunde Menschenverstand gefragt. Was künftige CO2-Kennzeichnung betrifft, rate ich zu einer gründlichen Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen. Der Verbraucher muss eine echte Entscheidungshilfe haben. Simple Kosmetik oder PR-Gags helfen uns nicht weiter.
Quelle: Passauer Neue Presse
- Interview mit:
- Bundesministerin Ilse Aigner
- Fragen von:
- Rasmus Buchsteiner

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