"Der Verschwendung von Meeres-Ressourcen ein Ende setzen"
- Datum:
- 21.06.10
Das Tauchmagazin "Unterwasser" befragte die für Fischereipolitik und Meeresschutz zuständige Bundesministerin Aigner zum Schutz der Fischbestände in den Weltmeeren und zur aktuellen Diskussion zum Walfang.
Frage: Frau Aigner, was fasziniert Sie eigentlich am Tauchen?
Aigner: Was mich beim Tauchen besonders fasziniert, ist zum einen die Stille in der Tiefe, zum anderen die Vielfalt der Farben und Formen. Die Meerestiere und die Unterwasserwelt zu beobachten, ist ein bewegendes Naturerlebnis.
Frage: Wie und wann sind Sie zum Tauchen gekommen? Wie viele Tauchgänge haben Sie und welchen Ausbildungsstand?
Aigner: Zum Tauchen kam ich 1995 durch meinen damaligen Freund. Tauchgänge habe ich leider viel zu wenige. Aber die, die ich gemacht habe, waren umso schöner! Beim letzten Mal konnte ich einem Manta fast den Bauch kraulen.
Frage: Wo hat es Sie denn taucherisch bislang schon überall hin verschlagen?
Aigner: Wenn es möglich ist, versuche ich, während meines Urlaubs zu tauchen, ob am Roten Meer, auf Fuerteventura oder den Malediven. Leider bleibt mir dafür in meiner neuen Aufgabe kaum noch Zeit. Gelernt habe ich das Tauchen allerdings in Bayern – und im Chiemsee war es auch sehr schön.
Frage: Von welcher Tauchreise oder welchem Tauchgang träumen Sie noch?
Aigner: Die Unterwasserwelt des Great Barrier Reef vor Australien zu erkunden, das ist schon lange ein Wunsch von mir.
Frage: Und welche Tauchreise oder welchen Tauchgang würden Sie niemals unternehmen wollen?
Aigner: Beim Tauchen ist es mir wichtig, die Natur zu schützen und alle Umweltauflagen unbedingt einzuhalten. Dazu gehört zum Beispiel, dass geschützte Riffe tabu sind.
Frage: Haben Sie einen Lieblings-Tauchpartner? Und mit wem würden Sie gern mal tauchen gehen?
Aigner: Ich tauche gern mit Menschen, die Freude am Entdecken und Bewundern der Natur haben. Lotte Hass, die das Tauchen auch für Frauen populär machte, oder der Weltrekordhalter im Apnoetauchen, William Trubridge, sind Personen, die mich beeindrucken.
Frage: Kein gesteigerter Schutzstatus für viele Meereslebewesen im Rahmen der UN-Artenschutzkonferenz, und zudem die Diskussion um eine teilweise Freigabe von Walabschüssen. Würden Sie sagen, dass 2010 für den Artenschutz in den Meeren bislang kein gutes Jahr war?
Aigner: Die biologische Vielfalt und damit der Reichtum unserer Erde schwinden. Auf der Artenschutzkonferenz in Doha im März 2010 fanden die Anträge der EU, einen stärkeren Schutz für gefährdete Tierarten zu beschließen, leider nicht die notwendige Mehrheit. Es bleibt unser Ziel, durch eine nachhaltige Nutzung stabile Ökosysteme zu schaffen, denn die biologische Vielfalt ist der Reichtum der gesamten Menschheit.
Frage: Die EU setzt sich zwar mit einem gemeinsamen Standpunkt innerhalb der IWC (Internationale Walfang-Kommission) für eine Aufrechterhaltung des Walfang-Moratoriums ein, macht dabei aber Ausnahmen, wenn das Fleisch nur lokal verbraucht und die Fangquoten unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Empfehlungen der IWC festgesetzt werden. Wird dabei nicht eine Hintertür für eine künftige Legalisierung des kommerziellen Walfangs geöffnet?
Aigner: Der kommerzielle Walfang ist seit 1986 durch das mit Drei-Viertel-Mehrheit der Mitgliedsstaaten der IWC beschlossene Moratorium ausgesetzt. Führende Walfangnationen haben das Moratorium jedoch konsequent angefochten und gehen dem Walfang nach wie vor zu angeblich wissenschaftlichen Zwecken oder im Rahmen von Ausnahmeregelungen nach. Gegenwärtig werden jährlich bei steigender Tendenz rund 2.000 Wale gefangen, davon etwa 350 durch indigene Völker und 1.600 zu angeblich wissenschaftlichen Zwecken oder im kommerziellen Walfang. Ein Ärgernis ist, dass Japan im Walschutzgebiet der Antarktis allein jährlich rund 660 Wale im Rahmen des so genannten wissenschaftlichen Walfangs tötet. Der vorliegende Kompromiss-Vorschlag der IWC ist aus Sicht der Bundesregierung in seiner derzeitigen Fassung nicht annehmbar. Mir geht es darum, den Walschutz zu verbessern. Unser Ziel bei den Verhandlungen ist es, Schlupflöcher des Moratoriums zu schließen und einen Ausstieg aus dem kommerziellen Walfang zu erreichen. Zu unseren Kernforderungen gehören zudem die Beendigung jeglichen Walfangs im Schutzgebiet der Antarktis sowie die strikte Einhaltung des Handelsverbotes mit Erzeugnissen von Walen durch alle IWC-Vertragsstaaten.
Frage: Was gehört für Sie zu einer nachhaltigen Fischerei? Welche Weichen muss die Politik stellen?
Aigner: Die Fischbestände in den Weltmeeren sind wichtige Nahrungsgrundlagen der Menschheit. Nur durch eine nachhaltige Fischerei können wir diese für kommende Generationen sichern. Dazu gehören eine nachhaltige, ökosystemorientierte Bewirtschaftung der Fischbestände auf Basis wissenschaftlicher Grundlagen, die Unterbindung der illegalen Fischerei durch effiziente Kontrollen und abschreckende Sanktionen sowie sachgerechte und verständliche Kennzeichnungen für die Verbraucher, damit diese sich bewusst für Erzeugnisse aus garantiert nachhaltiger Fischerei entscheiden können.
Frage: Welchen Einfluss übt Ihr Ministerium dabei auf internationaler Ebene aus?
Aigner: Bei der Reform der gemeinsamen Fischereipolitik bietet sich die Chance, eine dauerhafte Grundlage für die nachhaltige Nutzung unserer lebenden Meeresschätze zu legen. Mein Ministerium hat in der Vergangenheit eine Reihe von Initiativen ergriffen und unterstützt, um einen Paradigmenwechsel zugunsten einer nachhaltigen Fischerei zu bewirken. Dazu gehören Pilotprojekte und Maßnahmen zur Vermeidung von Beifängen in der Seelachsfischerei in der Nordsee sowie in der Dorschfischerei in der Ostsee. Auch die heutige internationale Vorreiterrolle der EU bei der Bekämpfung der illegalen Fischerei in den Weltmeeren geht auf eine Initiative meines Hauses während der deutschen EU-Präsidentschaft 2007 zurück.
Frage: Viele Fischarten gelten als rettungslos überfischt, manche Bestände dürften über kurz oder lang vor dem Kollaps stehen. Müssten daher nicht viele Fangquoten drastisch gesenkt werden?
Aigner: Nachhaltige Fischerei bedeutet zuallererst, die Fangkapazitäten an die vorhandenen Fangmöglichkeiten anzupassen. Dies ist in Deutschland bereits erfolgt. Zusätzlich muss ein modernes Fischerei-Management entstehen. Ich denke insbesondere an die mehrjährigen Bewirtschaftungs- und Wiederaufbaupläne für eine ganze Reihe von Fischbeständen. Diese Politik müssen wir konsequent fortsetzen und auf alle überfischten Bestände anwenden. Notwendig ist auch die Vermeidung der Beifänge unerwünschter Fische oder anderer Tierarten. Die Entwicklung und der verstärkte Einsatz selektiverer Fanggeräte und die vorübergehende Schließung von Fanggebieten zum Schutz von Jungfischen gehören ebenfalls dazu. Entscheidend ist für mich allerdings die Einführung von Rückwurf-Verboten und Anlande-Geboten. Nur so wird es uns gelingen, der unverantwortlichen Verschwendung von Meeres-Ressourcen ein Ende zu setzen.
Frage: Ist es nicht zu einfach, der Fischerei allein den Schwarzen Peter zuzuschieben? Müssten nicht auch die Endverbraucher bewusster einkaufen? Ist Fisch in Deutschland zu billig?
Aigner: Handel und Verbraucher können durch eine kluge Einkaufspolitik, die sich an Nachhaltigkeitszeichen wie dem MSC-Siegel orientiert, dazu beitragen, dass auch unseren Enkeln noch reichlich Fisch zur Verfügung steht. Für eine bewusste Kaufentscheidung benötigen Verbraucher Informationen. An dieser Schnittstelle knüpft unser Verbraucherinformationssystem an. Es liefert sachgerechte und verständliche Entscheidungshilfen, um den Fischeinkauf an Nachhaltigkeitskriterien auszurichten. Die dafür erforderlichen Informationen zu den einzelnen Fischarten, den jeweiligen Beständen und jeweiligen Fischereien werden jetzt schrittweise aufgebaut und können im Internet unter www.fischinfo.de oder www.portal-fischerei.de abgerufen werden.
Quelle: Unterwasser 7/2010
- Interview mit:
- Bundesministerin Ilse Aigner
- Fragen von:
- Lars Brinkmann (Unterwasser)

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