Begrüßungsrede zum Fachkongress "Besser essen. Mehr bewegen. KINDERLEICHT?"
- Datum:
- 12.02.09
- Ende:
- 12.02.09
- Ort:
- Berlin
- Redner:
- Bundesministerin Ilse Aigner
Bundesministerin Ilse Aigner begrüßt die Teilnehmer des Kongresses., Quelle: Frank Nürnberger
Sehr geehrte Damen und Herren, herzlich willkommen zum Fachkongress "Besser essen. Mehr Bewegen. Kinderleicht?". Die hohe Teilnehmerzahl wundert eigentlich nicht. Schließlich geht es um das Wichtigste für uns alle: unsere Kinder und deren Zukunft.
Wir alle wollen starke und gesunde Kinder mit den besten Aussichten auf ein glückliches, unbeschwertes Leben. Deshalb haben wir uns vor gut zwei Jahren mit dem Modellvorhaben "Kinderleicht-Regionen" auf den Weg gemacht. Heute nun ziehen wir gemeinsam eine erste Zwischenbilanz.
Es ist wie bei einer Bergwanderung. Wir haben schon ein gutes Stück des Weges hinter uns. Da lohnt es sich, kurz innezuhalten. Was haben wir schon alles geschafft? Wie führt der Weg weiter? Eines haben wir dabei stets im Auge – unser gemeinsames Ziel: Kinder sollen gesünder aufwachsen. Wir wollen sie für einen gesunden und aktiven Lebensstil begeistern. Dazu gehört eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung. Dabei setzen wir von Anfang an auf Prävention statt Reaktion.
Das Projekt der Kinderleicht-Regionen ist ein Baustein unseres nationalen Aktionsplans "IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung". Diese gemeinsame Strategie meines Hauses zusammen mit dem Bundesgesundheitsministerium will Hilfestellung zu einem gesunden Lebensstil bieten. Hierbei setzen wir auf Prävention, Vernetzung, Information und Motivation. Gleich ob Jung oder Alt, gleich ob sozial schwach oder wohlhabend, gleich ob in Ostfriesland oder am Bodensee!
Gesundheitsbewusstes Verhalten übt man am Besten schon von klein auf. Später ist es schwierig, Gewohntes wieder abzulegen. Daher richten wir ein besonderes Augenmerk auf Kinder. Sie kennen die aktuellen Zahlen: Leider sind 15 Prozent aller Kinder unter 17 Jahren übergewichtig. 800.000 oder etwa sechs Prozent der Kinder in unserem Land sind sogar bereits adipös. All diese Kinder haben möglicherweise ihr Leben lang mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. Neben einer Einschränkung der Lebensqualität können dies Diabetes oder andere Stoffwechselstörungen sein. In den vergangenen 20 Jahren sind diese Krankheiten rapide angestiegen.
Meine Damen und Herren, es geht darum, dass Kinder ein gesundes Leben mit ausgewogener Ernährung und viel Bewegung als etwas ganz Selbstverständliches erleben. Ein Plus an Lebensqualität lässt sich nicht mit Regeln von oben "verordnen". Wir müssen vielmehr die Kinder in ihrem Alltag abholen. Wie das gelingen kann, erarbeiten und erproben Sie in Ihren Projekten seit gut zwei Jahren. Dies erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Geschäftsstelle der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung und dem Evaluationsteam.
Für dieses Engagement danke ich Ihnen allen ganz herzlich. Kinderleicht ist diese Arbeit sicherlich nicht immer, aber sie ist sehr wichtig und wertvoll. Die Arbeit in den Modellregionen basiert auf aktuellsten Erkenntnissen der Forschung. Wissenschaftliche Begleitung der Projekte soll den Erfolg für die Zukunft sichern. In den 24 Kinderleicht-Regionen gehen wir gemeinsam neue Wege für ein gesundes und aktives Leben von Kindesbeinen an.
Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf Bevölkerungsgruppen, die auf konventionelle Weise bisher kaum erreicht werden konnten. Das sind vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien und Kinder mit Migrationshintergrund. Die ersten Zwischenergebnisse zeigen, dass dies in den Kinderleicht-Regionen auch wirklich gelingt. Das finde ich sehr beeindruckend. In unserer nationalen Gesamtstrategie ist die Arbeit in den Kinderleicht-Regionen deshalb ein wichtiger Knotenpunkt. Für das Modellvorhaben kann man somit zu Recht sagen: Aus der Vielfalt der Ansätze erwächst der vielfache Erfolg.
Mir erscheinen dabei drei Aspekte besonders wichtig:
- Qualität der Informationen
- Qualifikation der Wissensvermittler
- Zielgerichtete Informationsvermittlung
Zum ersten Punkt: Ein wichtiges Handlungsfeld ist die Information über Ernährung, Bewegung und Gesundheit. Über Lebensmittel gibt es jede Menge zu lesen, zu sehen und zu hören. Doch wenn wir auf das Wissen vieler Menschen dazu in Deutschland blicken, sieht es oftmals weniger gut aus.
Wir wollen daher qualitative und lebensnahe Informationen bieten. Das Modellvorhaben der Kinderleicht-Regionen setzt genau hier an. Es greift aktuelle Erkenntnisse der Präventionsforschung auf. "Dick sein" hat ja nicht nur eine Ursache. Daher ist ein integrierter Ansatz wichtig, der die unterschiedlichen Einflussfaktoren berücksichtigt.
Ebenso entscheidend ist es, alle relevanten Akteure vor Ort zusammenzuholen, zu vernetzen und Synergieeffekte zu nutzen. Ich hoffe, dass sich auch auf lokaler Ebene viele weitere Partner von Ihren Konzepten überzeugen lassen.
Die wissenschaftliche Evaluation durch das Max Rubner-Institut gehört ebenfalls dazu. So wollen wir aus dem Modellvorhaben Empfehlungen für weitere Präventionsmaßnahmen erarbeiten.
Zweitens: Eine besondere Vorbildfunktion kommt bei der Ernährungs- und Bewegungsbildung den Bezugspersonen der Kinder zu – insbesondere den Eltern und Großeltern. Dies wird durch eine gezielte Elternarbeit auch in den Kinderleicht-Regionen berücksichtigt. Nur wenige Eltern kannten etwa zu Beginn der Projekte die Empfehlung "5 am Tag" oder wussten, wie lange sich ein Kind pro Tag bewegen sollte.
Hier das notwendige Wissen und das richtige Verhalten zu vermitteln, ist ein wichtiger Schritt zum Erfolg. Oft werden Initiativen und Aktionen rund um Ernährung und Bewegung durch ehrenamtliches Engagement unterstützt. Das finde ich besonders anerkennenswert.
Drittens: Besser essen und mehr bewegen ist dann am leichtesten und erfolgreichsten, wenn es Spaß macht. Deshalb setzen die Aktivitäten in den Lebens- und Alltagswelten der Kinder an. Die Schwerpunkte in den Projektregionen umfassen alle Lebensbereiche von der Geburt bis zum Ende der Grundschulzeit. Sie kombinieren vielfältige Maßnahmen zur Verhaltensprävention und zur Verhältnisprävention. Das reicht von der Beratung Schwangerer und junger Eltern, über Aktivitäten in Kindertageseinrichtungen und Stadtteilen bis hin zur Lebenswelt "Schule".
Ein Beispiel dafür ist auch der von uns im Rahmen von IN FORM geförderte aid-Ernährungsführerschein. Hier wollen wir Kinder mit Freude und durch eigenes Erleben für gesundes Essen begeistern. Gleichzeitig soll das notwendige Wissen dazu vermittelt werden. Den Ernährungsführerschein setzen wir zusammen mit dem aid-Infodienst, den Deutschen Landfrauen und zukünftig auch mit "Klasse 2000" um.
Mittlerweile haben mehr als 80.000 Grundschüler den Ernährungsführerschein erworben. Jetzt bereiten wir den nächsten Schritt vor.
Wir lassen einen solchen Ernährungsführerschein auch für ältere Kinder und Jugendliche erarbeiten. Der erste Schritt ist ja bekanntlich der schwerste. Deshalb soll er durch zielgruppengerechte Angebote zumindest erleichtert werden. Diese Kombination ist entscheidend für den nachhaltigen Erfolg.
In diesem Zusammenhang ist für uns auch die Plattform Ernährung und Bewegung (peb) ein wichtiger Partner. Wir wollen Gutes vernetzen und die Botschaften in die Breite zu tragen.
Ein für uns ebenso wichtiges Handlungsfeld ist die Außer-Haus-Verpflegung. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) erarbeitet im Auftrag meines Hauses bundesweite Qualitätsstandards. Für die Schulverpflegung liegen diese bereits vor. In wenigen Wochen wollen wir gemeinsam mit der DGE die neuen Standards für die Verpflegung in Kindertageseinrichtungen vorstellen.
Zur Optimierung der Schulverpflegung richten wir zudem gemeinsam mit den Ländern bundesweit "Vernetzungsstellen für die Schulverpflegung" ein. Zehn Vernetzungsstellen haben bereits ihre Arbeit aufgenommen, drei weitere sind in Vorbereitung.
In diesem Monat starten wir in 20 Schulen gemeinsam mit dem "5 am Tag"-Verein ein Modellprojekt Schulfrucht. Neben dem Verteilen von Obst und Gemüse, sollen die Kinder auch ihr Wissen durch gezielte Information zum Ernährungsverhalten verbessern. Gute Erfahrungen haben wir bereits mit einem Pilotvorhaben zum EU-Schulmilchprogramm gemacht, das ebenfalls durch mein Haus finanziell unterstützt wird.
Meine Damen und Herren, die Kinderleicht-Regionen sind für mich mehr als ein Baustein unseres Aktionsplans "IN FORM". Sie sind für mich der Eckpfeiler für ein gesundes Aufwachsen unserer Kinder. Nutzen Sie heute die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch.
In jeder einzelnen Region steckt viel Arbeit, viel Wissen und viel Nachahmenswertes. Für Ihre Arbeit wünsche ich Ihnen auch weiterhin viele Ideen, Kraft und Erfolg. In diesem Sinne erkläre ich den Fachkongress für eröffnet.

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