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Mangelnde Hygiene in vielen Küchen

Präsident des Bundesinstitutes für Risikoforschung fordert mehr Aufklärung auch in Schulen.

Von: Neue Osnabrücker Zeitung vom 25. Mai 2009, Jens Peter Dohmes

Das Interview, das uns der Präsident des Bundesinstitutes für Risikoforschung, Andreas Hensel, gab, hat folgenden Wortlaut:


Frage: Herr Professor Hensel, immer wieder wird vor Rückständen von Pflanzenschutzmitteln, von Dioxin und von Weichmachern in Lebensmitteln gewarnt. Ist dies ein immer drängenderes Problem?

Antwort: Nein, generell gibt es in diesem Bereich keine Zunahme der Probleme. Im Gegenteil: Der Dioxingehalt in Lebensmitteln hat sich in den vergangenen 50 Jahren halbiert. Und zu den Pflanzenschutzmittel-Rückständen ist zu sagen, dass es kaum einen Bereich gibt, der so gut kontrolliert wird. Weichmacher werden ab und zu mal gefunden, aber auch da gibt es derzeit kein Problem für die Verbraucher. Die Überwachung funktioniert.

Frage: Wird das Problem durch Hysterie verschärft?

Antwort: Die Einschätzung der Wissenschaftler zur Frage, welche Mengen an potenziell gefährlichen Stoffen in Lebensmitteln enthalten sind und welche Gefahren von ihnen ausgehen, ist eine ganz andere als die, die von den Medien transportiert und in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Das liegt auch daran, dass nicht nur Unternehmen, sondern auch Organisationen wie Greenpeace oder die Parteien bestimmte Interessen verfolgen.

Frage: Also viel Lärm um nichts?

Antwort: Das würde ich nicht sagen, denn wir müssen als Verbraucher schon sehr an diesen Fragen interessiert sein. Wir wissen aber, dass 99 Prozent aller Pestizide, die wir über Pflanzen aufnehmen, natürlichen Ursprungs sind. Giftige Inhaltsstoffe sind in jedem Brokkoli, in jeder Citrusfrucht und jeder Karotte. Wir setzen aber voraus, dass durch sachgemäßen Umgang diese Pestizide nicht in den Körper gelangen.

Frage: Wo liegen dann die tatsächlichen Risiken?

Antwort: Ganz stark im Vordergrund stehen die sogenannten Zoonosen, also Erkrankungen, deren Erreger vom Tier oder von tierischen Produkten auf den Menschen übergegangen sind. Menschen erkranken an Salmonellosen und an Bakteriosen, an Parasitenerkrankungen oder an Vergiftungen durch Verderbniserreger. Wir schätzen die Zahl derer, die jedes Jahr aufgrund des Genusses von Lebensmitteln erkranken, auf eine Million. Da gibt es aber natürlich eine große Dunkelziffer.

Frage: Gibt es Möglichkeiten, diese Zahl zu reduzieren?

Antwort: Der Grund dafür, dass wir mit Erkrankungen durch Lebensmittel heute ein so dramatisches Problem haben, liegt eindeutig in mangelnder Küchenhygiene. Die Großmutter, die früher den Kindern und Enkeln das Kochen beigebracht hat, gibt es kaum noch. Und durch die stärkere Nutzung vorgefertigter Produkte gerät das Kochen und der richtige Umgang mit sensiblen Lebensmitteln immer mehr aus dem Fokus. Wer nicht kochen lernt, wird aber nicht wissen, dass man zum Beispiel einen Rohkostsalat nicht mit dem gleichen Messer bearbeitet, mit dem man zuvor einen Hähnchenschenkel tranchiert hat.

Frage: Was ist zu tun?

Antwort: Man muss stärker aufklären! Es wäre ein guter Zug, wenn man an den Schulen nicht nur kochen lernte, sondern auch den richtigen hygienischen Umgang mit Lebensmitteln. Das ist aus meiner Sicht unverzichtbar. Rechnen Sie doch mal hoch, was das kostet, wenn eine Million Deutsche jedes Jahr so eine Krankheit durchleben. Volkswirtschaftlich ist das dramatisch.

Frage: Wird das Problem der Lebensmittelerkrankungen unterschätzt?

Antwort: Absolut! Diese Erkrankungen kommen in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu kurz. Wenn in Deutschland drei Leute an Pflanzenschutzmitteln erkranken würden, dann prophezeie ich Ihnen: Darüber stürzt die Bundesregierung. Gleichzeitig nehmen wir billigend in Kauf, dass ganze Altersheime, Kindergärten oder auch Schulen an Salmonelleninfektionen erkranken.

Frage: Müsste es mehr Lebensmittel-Kontrollen geben?

Antwort: Sie können nicht alles kontrollieren. Viel mehr muss darauf geachtet werden, welche Informationen Umweltorganisationen, aber auch die Medien transportieren. Das relative Risiko von Grenzwertüberschreitungen bei Rückständen von Pflanzenschutzmitteln, die ja immer wieder etwa von Greenpeace angeprangert werden, ist vernachlässigbar gering gegenüber Alltagsrisiken, die wir jeden Tag billigend in Kauf nehmen. Das Problem ist nicht so sehr ein Defizit der Überwachung, sondern die Wahrnehmung der Lebensmittelprobleme. Ein Drittel der Deutschen fürchtet sich vor Lebensmittel-Risiken. Das geht völlig an der Realität vorbei! Es ist unverantwortlich, wie solche Risiken unter der Fahne der Aufklärung ohne wissenschaftliche Begründung skandalisiert werden.

Frage: Nennen Sie ein Beispiel!

Antwort: Vor Kurzem wurden Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in teuren Rotweinen gefunden. Für die Presse ein Riesenskandal! Dabei wurden diese nur in niedrigsten Konzentrationen nachgewiesen, völlig ungefährlich.

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