Erhaltung und nachhaltige Nutzung genetischer Ressourcen von Zierpflanzen – Schritte zum weiteren Ausbau der Deutschen Genbank Zierpflanzen
Grußwort zur Eröffnung des Symposiums der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung am 24. November 2009 in Bonn
- Datum:
- 24.11.09
- Ende:
- 24.11.09
- Ort:
- Bonn
- Redner:
- Parlamentarische Staatssekretärin Julia Klöckner
Julia Klöckner während ihres Grußworts zur Eröffnung des Symposiums in Bonn, Quelle: BLE - von Leoprechting
Es gilt das gesprochene Wort!
Anrede,
ich freue mich, dass ich mich heute mit einem besonders schönen Aspekt der Landwirtschaft, den Zierpflanzen, eingehender beschäftigen kann. Zierpflanzen haben einen hohen ökonomischen Stellenwert in der landwirtschaftlichen Urproduktion. Sie sind Ausgangspunkt für einen großen Fachhandels- und Dienstleistungssektor. Sie erfreuen sich einer ungebrochenen Gunst bei den Verbrauchern. Dafür wurde seit dem 19. Jahrhundert regelmäßig eine riesige Zahl von neuen Sorten gezüchtet, neue Arten werden in Kultur genommen und am Markt eingeführt. Gleichzeitig verschwinden aber viele Sorten und Arten wieder. Wenn sie nicht von Züchtern, wissenschaftlichen Einrichtungen, Sammlern oder zufällig in alten Parks und Gärten erhalten werden, sind sie als zierpflanzengenetische Ressourcen für immer verloren. Dieses Symposium hat sich eine große Aufgabe gestellt:
Wie kann die Erhaltung wichtiger zierpflanzengenetischer Ressourcen in Deutschland entsprechend unseren internationalen Verpflichtungen zukünftig organisiert werden, damit sie einer nachhaltigen Nutzung – zum Beispiel für die Pflanzenzüchtung – dauerhaft zur Verfügung stehen?
Es ist nicht die erste Veranstaltung dieser Art. Bereits im Jahr 2000 fand ein großes Symposium zur Frage der Erhaltung und nachhaltigen Nutzung genetischer Ressourcen von Zierpflanzen in Königswinter bei Bonn statt. Wichtige Grundlagen sind dort bereits erarbeitet worden und haben sich seit dem nicht geändert. Als Ergebnis wurde von den Teilnehmern eine Resolution verfasst, die richtungsweisend war. Wesentliche Elemente wurden in das ein Jahr später vom Bundeslandwirtschaftsministerium herausgebrachte "Nationale Fachprogramm zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung pflanzengenetischer Ressourcen landwirtschaftlicher und gartenbaulicher Kulturpflanzen" übernommen. Das hat für Bund und Länder nach wie vor Gültigkeit und enthält als Aufgabe den Aufbau einer dezentralen "deutschen Genbank Zierpflanzen". Zwischenzeitlich ist mit der Agrobiodiversitätsstrategie, der Sektorstrategie des BMELV zur Ergänzung der nationalen Biodiversitätsstrategie, ein übergeordneter Rahmen für die nationalen Fachprogramme zum Erhalt und zur nachhaltigen Nutzung genetischer Ressourcen hinzugekommen.
Die Agrobiodiversitätsstrategie enthält ein gemeinsam erarbeitetes Leitbild für den Gartenbau: "Leitbild ist die innovative nachhaltige Nutzung der pflanzlichen Vielfalt bei Zierpflanzen, Gehölzen, Stauden, Arznei- und Gewürzpflanzen, Gemüse und Obst und deren unterschiedliche Verwendung zu fördern und dazu eine breite genetische Basis zu erhalten. Hierzu ist es insbesondere notwendig, öffentliche und private Sammlungen genetischer Ressourcen von gartenbaulichen Kulturpflanzen zu ergänzen, zu vernetzen und Erhaltungsaktivitäten bundesweit zu koordinieren." Der Appell von Königswinter lebt auch in diesem Leitbild fort und wir sollten es zur gemeinsamen Richtschnur unserer weiteren Überlegungen machen. Auch die Prioritäten zur konkreten Umsetzung des Erhaltungsgedankens wurden in Königswinter festgelegt: Zuerst Genbanknetzwerke für die bedeutenden Zierpflanzenarten Rosen und Rhododendron.
Annähernd zehn Jahre später ist ein guter Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen und weitere Entwicklungsmöglichkeiten festzulegen. Für Rosen konnte dieses Jahr eine Genbank im Rosarium Sangerhausen gegründet werden, für Rhododendron soll die Gründung eines großen Genbanknetzwerks nächstes Jahr im Mai erfolgen. Beides wurde ermöglicht, weil sich kompetente Einrichtungen und Partner fanden, die in mehrjährigen, jeweils vom BMELV geförderten Modellvorhaben die Voraussetzungen für den dezentralen Genbankerhalt dieser Zierpflanzenarten erprobten und modellhafte Umsetzungsmöglichkeiten demonstrierten.
Soweit sind wesentliche, von den Beteiligten aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft damals sich selbst gestellte Aufgaben verwirklicht worden. Es zeigte sich aber auch, wie der Teufel im Detail einer im Grunde einfachen, guten Idee – die der dezentralen Genbanknetzwerke - steckt. Das hängt mit den fachlichen Notwendigkeiten zur Bestimmung, Charakterisierung und Dokumentation der Sammlungsmuster in einer Genbank zusammen. Leider waren zum Beispiel vorhandene Bestandslisten oft nur ein erster Anhalt für den tatsächlichen Inhalt von Sammlungen. In beiden bereits erwähnten Modellvorhaben wurden wesentliche Mittel für die Bestimmung und Dokumentation auf dem Weg zu ernst zu nehmenden Genbanken benötigt. Vor dieser Herausforderung stehen wir auch in einem anderen Vorhaben meines Hauses, der "Deutschen Genbank Obst", die ebenfalls als konsequent dezentrales Genbanknetzwerk von vorhandenen Sammlungen obstgenetischer Ressourcen in Deutschland umgesetzt wird. Auch hier wird ein Grossteil des Aufwands durch die Sammlungsbestimmungen und -dokumentationen verursacht. Ich kann also feststellen, dass aufgrund der geschilderten Umstände die Bilanz nach zehn Jahren Königswinter mit den jetzt gesicherten, wichtigen genetischen Ressourcen der zwei großen Zierpflanzenarten Rosen und Rhododendron in der "Deutschen Genbank Zierpflanzen" gut ist. Aber es ist erst der Anfang auf einem nicht ganz leichten Weg.
Wir haben jetzt einen großen Erfahrungsschatz und Modelle, die uns realistische Einschätzungen bei der Erweiterung der Deutschen Genbank Zierpflanzen ermöglichen. Ein wichtiger Punkt ist nach wie vor offen: Die Resolution von Königswinter forderte alle Beteiligten auf, für die Erhaltung und nachhaltige Nutzung genetischer Ressourcen von Zierpflanzen eine verbindliche und dauerhafte Regelung für die Finanzierung zu finden. Dieser, meines Erachtens wichtigste, Punkt steht noch aus und eine kurzfristige Lösung ist auch nicht in Sicht. Denn Enthusiasten, die sich mit großem Engagement der fachlichen Aufgabe stellen, gibt es viele – Gott sei Dank! Bei der Finanzierung ist es in der Regel kritisch. Wie wichtig dieser Punkt "dauerhafte Finanzierung" ist, zeigte und zeigt sich bei den großen Modellvorhaben Rose und Rhododendron, wenn nach der Förderphase auf "Normalbetrieb" der Genbanken umgeschaltet werden soll. Meine dringende Bitte ist es daher, bei der folgenden Prioritätenfestlegung für den weiteren Ausbau der "Deutschen Genbank Zierpflanzen" unbedingt im Auge zu behalten, dass die zur Umsetzung notwendigen und dazu bereiten Partner ein Genbanknetzwerk selbst am Leben erhalten können. Der Bund kann definitiv nicht die institutionelle Förderung aller an Genbanknetzwerken Beteiligten übernehmen. Der Bund kann das Gesamtnetzwerk "Deutsche Genbank Zierpflanzen" durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung koordinieren helfen.
Er kann unter Umständen zeitlich und finanziell begrenzt helfen, neue innovative Ideen in Modellvorhaben umzusetzen oder er kann die Erhebung wichtiger zierpflanzengenetischer Ressourcen unterstützen. Damit ist er aber auch schon an den Grenzen angekommen, was er momentan leisten kann und vor allem leisten darf.
Ich glaube dennoch, dass es uns gelingt, in den folgenden Tagen wichtige Zierpflanzenarten zu identifizieren, die für den weiteren Aufbau der Deutschen Genbank Zierpflanzen in den Fokus genommen werden sollten. Nach den bisherigen Genbankerfahrungen ist die Konzentration auf das Wesentliche, also für Deutschland bedeutende zierpflanzengenetische Ressourcen mit hohem Nutzungspotential, unerlässlich, wenn wir von Genbanken sprechen. Für allumfassende Erhaltungsmaßnahmen auf Genbankniveau hat leider niemand die Kapazitäten. Dazu unterliegt gerade der Erhalt zierpflanzengenetischer Ressourcen, anders als bei genetischen Ressourcen des Ernährungsbereichs, meines Erachtens immer einem erhöhten Rechtfertigungsdruck, wenn sich die öffentliche Hand engagiert. Dies ist aber unter Umständen auch der Punkt darüber nachzudenken, wie bürgerschaftliches Engagement und Sponsoring für die insgesamt schützenswerte biologische Vielfalt der Zierpflanzen besser eingebunden werden könnten.
Ich erinnere an unser Leitbild, dass öffentliche und private Sammlungen genetischer Ressourcen von gartenbaulichen Kulturpflanzen zu ergänzen, zu vernetzen und Erhaltungsaktivitäten bundesweit zu koordinieren sind. Dies kann in begrenztem Maße über eigentliche Genbanken erfolgen. Das geht zugleich auch ohne wissenschaftlichen Genbankanspruch, insbesondere dann, wenn erst einmal möglichst viele Ressourcen erhalten werden sollen. Immerhin weisen die Zierpflanzen mit Abstand die größte Arten- und Sortenvielfalt der Kulturpflanzen auf. Dazu verfolgen wir einen Ansatz über so genannte "unterstützende Partner" im noch laufenden Modellvorhaben Genbanknetzwerk Rhododendron, das heute noch vorgestellt wird. Auch der angekündigte Vortrag zum Beitrag von Liebhabergesellschaften zur Erhaltung der genetischen Ressourcen von Zierpflanzen könnte eine solche Diskussion anregen, die ich mir sehr wünsche.
Das von der UNO ausgerufene "Internationale Jahr der Biologischen Vielfalt" 2010 bietet für uns alle eine große Chance, das Thema "Biologische Vielfalt" breit in die Öffentlichkeit zu tragen. Es könnte beispielsweise helfen, das bereits angesprochene bürgerschaftliche Engagement und Sponsoring für dieses Thema langfristig zu aktivieren. Das BMELV plant für nächstes Jahr vielfältige Aktivitäten mit Materialien und Veranstaltungen zur Agrobiodiversität.
Aber auch alle hier versammelten Verbände und Multiplikatoren möchte ich aufrufen, dieses Thema in der Öffentlichkeitsarbeit aufzugreifen, damit das Bewusstsein für den Wert der landwirtschaftlichen biologischen Vielfalt in der Gesellschaft deutlich und nachhaltig gestärkt wird. Dies wird, davon bin ich fest überzeugt, langfristig positiv für unser Anliegen "Deutsche Genbank Zierpflanzen" sein.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Tagung und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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