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Eröffnung des 4. Deutschen Allergiekongresses

Datum:
03.09.09 19:00
Ort:
Berlin
Redner:
Bundesministerin Ilse Aigner

Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede,

auch ich begrüße Sie alle herzlich zum 4. Deutschen Allergiekongress. Durch die Wahl der Bundeshauptstadt als diesjährigem Veranstaltungsort wird eines besonders deutlich: 60 Jahre Bundesrepublik steht nicht nur für 60 Jahre Verfassung und Sozialstaat, sondern auch für einen hohen Stand in der Medizin.

Wir feiern dieses Jahr ebenfalls 20 Jahre friedliche Revolution bis hin zur Wiedervereinigung. Diese hat erst ermöglicht, dass Berlin politisches Zentrum wurde. In den nächsten Tagen ist es das Zentrum der Aufmerksamkeit für die Bekämpfung von Allergien. Gerne habe ich die Schirmherrschaft für diesen Kongress übernommen.

Er bietet eine wichtige Plattform, sich über die medizinische Spezialisierung hinaus und über Landesgrenzen hinweg auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Der gesundheitliche Verbraucherschutz und vor allem die Bekämpfung von Allergien ist auch für mich ein wichtiges Anliegen. Allergien sind alles andere als eine Bagatelle.

Das Allergiegeschehen in Deutschland und Europa hat längst den Status einer Volkskrankheit erreicht. In unseren Breiten leidet bereits rund ein Drittel der Menschen an einer allergischen Erkrankung - Tendenz steigend. Die jährlichen Kosten, die in der Europäischen Union durch Allergien verursacht werden, werden nach vorsichtigen Schätzungen mit 25 Milliarden Euro beziffert.

Auch wenn solche Schätzung oft recht vage sind, so verdeutlichen sie doch die Größenordnung, von der wir sprechen. Für die Betroffenen bedeutet eine Allergie jedoch vor allem körperliches Leid und eine zum Teil massive Einschränkung der Lebensqualität. Deshalb hat mein Haus bereits im Jahr 2007 einen "Aktionsplan gegen Allergien" aufgestellt.

Wir wollen Allergiker und ihre Familien mit ihren Problemen nicht alleine lassen, sondern ihnen konkrete Unterstützung in ihrem Lebensalltag bieten. Glaubt man historischen Quellen, gibt es Allergien zwar bereits seit der Antike. Aber im industriellen Zeitalter sind die Erscheinungsformen der Allergien und das Spektrum der Produkte, die sie auslösen können, anders und vielfältiger geworden. Mit unserem Aktionsplan verfolgen wir ein ganzheitliches Konzept.

Wie es die Wissenschaft macht, setzen auch wir auf einen interdisziplinären Ansatz und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure aus Wissenschaft, Verbraucher- und Fachverbänden, Krankenkassen, Politik und Wirtschaft.

Richtschnur unseres Handelns sind die drei "V". Diese stehen für

  • Vermittlung,
  • Vorbeugung und
  • Vermeidung.

Im Einzelnen bedeutet dies als Auftrag: Vermittlung von Wissen an die Betroffenen, Vorbeugungsmaßnahmen gegenüber Allergien und Möglichkeiten, konkrete Allergene im Alltag soweit wie möglich zu vermeiden.

Lassen Sie mich beispielhaft einige Projekte für die Umsetzung dieser Leitlinien nennen: Unser Internetportal "www.aktionsplan-allergien.de" bietet bundesweit erstmalig gebündelt aktuelle, unabhängige und wissenschaftlich gesicherte Informationen zum Thema Allergien. Es wird jeden Monat von rund 8.000 unterschiedlichen Nutzern aufgerufen.

In einem einzigartigen Schulterschluss zwischen der Gastronomiebranche und den Betroffenenverbänden ist es darüber hinaus gelungen, die Branche für die Belange von Allergikern zu sensibilisieren. Gemeinsam konnten wir eine Fachbroschüre und eine kleine Restaurantkarte entwickeln, mit der Allergiker ihre Bedürfnisse dem Küchenpersonal kommunizieren können.

Im Zusammenhang mit der Allergieprävention haben wir gerade an Schulen in Niedersachsen ein Modellprojekt gestartet, das Schülerinnen und Schüler für die Allergiegefahren bei für sie wichtigen Themen wie Piercings, Haarfärbemitteln oder Tierhaaren sensibilisiert. In diesem Zusammenhang haben wir beispielsweise ein Poster und ein Quartettkartenspiel für die ganze Familie entwickelt.

Auf diese Weise wird spielerisches Lernen im Alltag möglich. Bald wird auch ein weiteres erfolgreiches Projekt des Aktionsplans in tausenden von Fleischereien in Deutschland sichtbar werden: Das Fleischerhandwerk hat durch eine Förderung mit Mitteln des Innovationsprogrammes meines Hauses Systeme entwickelt, wie sich Allergiker über Allergene in Wurstsorten besser informieren können.

Die Tatsache, dass wir diese und viele weitere Ideen bereits umgesetzt haben, heisst aber nicht, dass wir uns jetzt beruhigt zurücklegen könnten. Vielmehr sollten wir unseren bisherigen Erfolg als Ansporn nehmen, weitere Verbesserungen für Allergiker und ihre Familien zu erreichen.

Mir persönlich ist es dabei ein besonderes Anliegen, die sektorübergreifenden Kooperationen weiter zu intensivieren. In diesem Zusammenhang lade ich Sie herzlich zum Forum "Allergien und Verbraucherschutz" ein, das morgen Mittag hier auf dem Kongress den Lebensmittelallergien gewidmet ist.

Wenn es beim Verzehr bestimmter Lebensmittel "juckt und kratzt" ist das ein gemeinsames Thema für die Medizin und den Verbraucherschutz. Einbezogen werden sollte auch die Lebensmittelindustrie. Wir brauchen vielfältige Antworten auf die Frage "Was ist zu tun, um das Allergierisiko im Alltag zu minimieren?" Das ist umso dringlicher, als dass Nahrungsmittelallergien immer weiter auf dem Vormarsch sind. Umso größer ist die Gefahr von laienhaften Selbstdiagnosen und eigenmächtig unternommenen Diäten.

Dem müssen wir mit kompetenter Beratung und Hilfestellung entgegentreten. Eine besondere Rolle spielt die Prävention. Ich halte es immer für den besseren Weg, Leid zu vermeiden, als dieses im Nachhinein zu kurieren. Als Maßnahme der Prävention wird morgen im Rahmen einer Pressekonferenz der "Risikoallergie-Check" vorgestellt, der sich speziell an Schwangere und junge Eltern richtet.

Diese Idee des Präventions- und Informationsnetzwerkes Allergie und Asthma", kurz "Pina", sehr geehrter Herr Professor Wahn, wurde mit zahlreichen neuen Mitstreitern und mit der Unterstützung meines Hauses auf eine breite Basis gestellt und in seiner Unabhängigkeit gestärkt. Und es freut mich sehr, dass – wie ich hörte - Pina heute Abend noch den diesjährigen Förderpreis der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin erhält. Gratulation!

Es wird sicherlich nach wie vor nicht einfach sein, dem komplexen Thema Allergien wirksam zu begegnen. Doch nicht umsonst heisst es in einem Sprichwort aus meinem Ressortbereich: "Kleine Schläge fällen große Eichen".

Die ersten Schläge haben wir bereits erfolgreich platziert, lassen Sie uns jetzt weiterhin mit Beharrlichkeit und vereinten Kräften daran arbeiten, die Allergien auf lange Sicht vielleicht sogar ganz zu Fall zu bringen - zumindest aber die weitere Ausbreitung zu begrenzen und den Trend umzukehren.

In diesem Sinne wünsche ich dem 4. Deutschen Allergiekongress einen erfolgreichen Verlauf und freue mich auf viele interessante Gespräche.

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