Navigation und Service

Jugend und ländliche Räume – Gehen oder bleiben?

Rede der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Ilse Aigner zur Eröffnung des 3. Zukunftsforums Ländliche Entwicklung

Datum:
21.01.10
Ort:
Berlin
Redner:
Bundesministerin Ilse Aigner

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Jugendwettbewerbs,

ich begrüße Sie herzlich zu unserem Zukunftsforum Ländliche Entwicklung. Besonders freue ich mich, dass unser diesjähriges Thema "Jugend und Ländliche Räume" so viel Interesse findet.

Zukunft und Jugend sind Begriffe, die in engem Zusammenhang miteinander stehen. Wir wollen nicht über die Köpfe junger Menschen hinweg die Zukunft bestimmen. Deshalb ist mir die Meinung junger Leute wichtig; wir Politiker wollen von Ihnen lernen.

Diesen Zweck erfüllt unser Jugendwettbewerb "Ideen säen – Zukunft ernten", dessen Preisträger nachher vor uns stehen werden. Und das ist auch Ziel der heutigen Veranstaltung. Ein Marktplatz guter Ideen und kreativer Köpfe soll es sein.

Es handelt sich schon um das dritte Zukunftsforum. Wir begründen damit eine Tradition und unterstreichen, wie wichtig uns das Thema ist.

Die Herausforderungen für ländliche Räume liegen auf der Hand: Demographischer Wandel, Abwanderung, Überalterung sind die Schlagworte. Über allem steht die provokative Frage: Haben ländliche Regionen eine Zukunft? Aus Überzeugung sage ich Ja!

Denn die Zukunft beruht auf dem Engagement, der Tatkraft und den Leistungen der Menschen auf dem Lande. Deshalb sehe ich ländliche Räume nicht als Notstandsgebiete oder die Menschen dort als Objekte staatlicher Fürsorge. Nein, es sind unsere Zukunftsregionen, die wir auf ihrem Weg begleiten wollen.

Im Titel des Forums heißt es "Gehen oder bleiben?" Junge wie alte Menschen leben nicht auf dem Land, weil Politiker das gut finden oder weil es Programme für die ländliche Entwicklung gibt. Es gibt andere, gut nachvollziehbare Beweggründe für ein Leben auf dem Land. Ein Wohnsitz in der Oberpfalz, in der Altmark oder in Westfalen ist mehr als eine Adresse!

Ich selbst stamme vom Dorf und fahre gern nach Hause, wann immer es meine Amtsgeschäfte zulassen. Das möchte ich nicht missen.

In schöner Landschaft und erhaltener Natur zu leben, Ruhe und gute Luft zu genießen, Teil einer Gemeinschaft zu sein oder auch Traditionen zu erhalten und weiterzugeben - all das steht für Lebensqualität. Die gilt auch im Hinblick auf den Ort, an dem Eltern ihre Kinder aufwachsen sehen möchten.

Die Lebensqualität ist nur ein Aspekt; natürlich spielt das Angebot an Arbeitsplätzen eine ausschlaggebende Rolle.

Auf dem Land sind Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung besonders gefragt. Diese Eigenschaften sind das wichtigste Kapital für die Zukunft in ländlichen Räumen.

Ich möchte drei Beispiele nennen:

  1. Die Kommunalpolitik.
    Das ist die "Königsdisziplin" der Politik, denn sie wirkt direkt und hautnah gegenüber den Nachbarn und sie zeitigt unmittelbar wirksame Ergebnisse. Nachwuchsgewinnung für kommunalpolitische Ämter ist somit konkrete Demokratieförderung.
  2. Das Ehrenamt.
    Die Bereitschaft zum Engagement ist nach wie vor groß. Nachwuchsprobleme in Vereinen und Verbänden resultieren aus dem Wegzug junger Menschen und aus der oft schwierigen Vereinbarkeit mit Beruf und Familie. Hier liegen konkrete Aufgaben für die Politik auf allen Ebenen.

    Beispielsweise wird vielerorts die Frage diskutiert: Wird es in 20 Jahren noch unsere Freiwillige Feuerwehr geben oder werden wir dann nur noch Berufsfeuerwehren kennen? Das ist nicht nur eine Nachwuchsfrage, sondern auch eine Herausforderung für die Unternehmen, ihre Mitarbeiter jeweils für Feuerwehreinsätze frei zu stellen.

  3. Der Gemeinschaftsgeist.
    Darunter verstehe ich mehr als die Mitgliedschaft in Vereinen. Wenn ich zum Beispiel 700- oder 800-Jahrfeiern von Landgemeinden besuche, empfinde ich immer wieder Hochachtung für die liebevolle Ausgestaltung.

Oder denken Sie auch an den von meinem Ministerium ausgeschriebenen Bundeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft". Zusammen mit den vorgeschalteten Wettbewerben auf Landes- und Kreisebene engagieren sich Menschen aus zahlreichen Dörfern. (2007: über 4.000 Dörfer).

Nicht zuletzt auch die aufwändige Erhaltung des privaten Eigentums (Häuser, Scheunen usw.) trägt zu einem sehenswerten Äußeren der Dörfer bei. Die gemeinsame Arbeit bei der Dorfentwicklung ist eine Form der Identitätsstiftung.

Wovon hängt das "Gehen oder Bleiben" ab? Es gibt so viele Vorstellungen von Lebensqualität wie es Menschen gibt. Einige suchen ihr persönliches Glück in der Stadt. Gerade junge Leute probieren das aus. Manche bleiben auf Dauer in der Stadt; manche möchten wieder aufs Land zurück.

Für die richtige Politik zur ländlichen Entwicklung ist es notwendig, dass wir zuerst Sie – die jungen Leute – fragen: Was bewegt Sie zum Bleiben? Warum gehen Sie weg? Welche Zukunftsvorstellungen haben Sie?

Was nützt mir die ländliche Lebensqualität, fragen viele, wenn ich nicht weiß, wovon ich leben kann? Oder: Ist das oftmals zeitaufwändige Pendeln zur Arbeitsstelle mit meinem Familienleben vereinbar?

Im Grundgesetz steht der wichtige Satz, dass alle Menschen in Deutschland einen Anspruch auf gleichwertige Lebensverhältnisse haben. Gleichwertig bedeutet nicht gleich. Und wo höherwertige Lebensverhältnisse herrschen, ist eine Streitfrage, auf die es keine Antwort gibt. Es geht in erster Linie um die Lebenschancen – nicht zuletzt um die Möglichkeiten für junge Familien.

Das heißt: Schule und Ausbildung, Fortbildung und Studium, Arbeitsplätze und berufliche Perspektiven, gute Verkehrsanbindung durch Straßen und öffentlichen Nahverkehr, Kinderbetreuung sowie medizinische Versorgung.

Die politische Aufgabe ist es, einen geeigneten Rahmen zu setzen, damit alle, die gern auf dem Land wohnen, auch dort bleiben oder neu dorthin ziehen können. Wenn ich mir die Themenliste dieses Zukunftsforums anschaue, finde ich genau diese Schwerpunkte wieder.

Starke und lebenswerte ländliche Räume sind auch Ziel unseres Koalitionsvertrages. Das breit gefächerte Aufgabenspektrum bei der ländlichen Entwicklung erfordert den Einsatz mehrerer Bundesressorts. Hinzu kommen die Länderregierungen und – keinesfalls zu vergessen – die Kreise und Gemeinden.

Mit der Zuständigkeit für die Landwirtschaft verfügt mein Ministerium über die größte Erfahrung bei der Gestaltung der Politik für den ländlichen Bereich. Unsere leistungsfähige Agrarwirtschaft ist nach wie vor Rückgrat und prägender Faktor ländlicher Räume. Darüber hinaus haben sich eine ganze Reihe von Unternehmen des vor- und nachgelagerten Bereichs der Landwirtschaft etabliert. Dazu gehört die Lebensmittelwirtschaft, die Holz verarbeitende Industrie oder auch Unternehmen der Saatgut- und der Pflanzenschutzbranche. Die Nähe zu Lieferanten und Kunden ist ihnen wichtig.

Wir finden im ländlichen Raum weitere mittelständische Betriebe. Denken Sie an Ihr Autohaus um die Ecke, aber auch an Firmen der IT-Branche. Und: Vergessen wir nicht das traditionelle Handwerk, wie Bäcker oder Fleischer/Metzger.

Die Betriebe benötigen beispielsweise ein schnelles Internet, um ihre Kunden rasch zufrieden zu stellen. Der Ausbau der Breitbandverkabelung ist nicht nur eine Frage steigender Lebensqualität – sie ist ein harter Wirtschaftsfaktor.

Damit habe ich bereits ein wichtiges Beispiel dafür genannt, dass Politik für die ländliche Entwicklung zu einem guten Teil Förderpolitik ist.

Aber unser Engagement geht über die Verantwortung für die Förderung hinaus. Gerade die dringend notwendigen Schritte zur Haushaltkonsolidierung werden künftig intelligente Lösungen notwendig machen. Mit den Mitteln der Förderpolitik allein können wir die Politik für ländliche Räume in Zukunft nicht gestalten. Wir haben ein Handlungskonzept zur Weiterentwicklung ländlicher Räume erarbeitet. Auf diesem Fundament bauen wir mit drei Schwerpunkten weiter:

  1. Wir wollen Impulsgeber der Politik sein. Mein Haus wird bei den dringenden politischen Aufgaben mit allen betroffenen Ressorts Gespräche führen, um Lösungen zu suchen. Handlungsfelder sind Gesundheitsversorgung, Bildung oder auch die ländliche Infrastruktur nach der Privatisierung von Bahn und Post.
  2. Ich verstehe mich als Anwältin ländlicher Räume und der dort lebenden Menschen. Bei der Abstimmung von Gesetzen und Verordnungen werde ich auf eine angemessene Berücksichtigung der Interessen in den Ländlichen Räumen drängen. Ich kann da durchaus auch eine unbequeme Ressortkollegin sein!
  3. Natürlich geht es nicht ohne Förderpolitik. Hier setze ich auf eine Integrierte Ländliche Entwicklung, die über Ressortgrenzen hinweg voran getrieben wird. Vor Ort werden passgenaue Förderkonzepte erarbeitet, so für die Breitbandversorgung, Dorfentwicklung, Infrastruktur.

Ich bin überzeugt, dass wir den ländlichen Gebieten eine gute Zukunft sichern können, wenn wir Ihre Leistungsbereitschaft und die politischen Rahmenbedingungen sinnvoll miteinander verbinden. Unser Zukunftsforum wird seinen Teil zur Lösung dieser Aufgabe beitragen. Dazu wünsche ich ein gutes Gelingen!

Sehr geehrte Damen und Herren, einen Anlass, jungen Leuten aufmerksam zuzuhören, bietet unser Jugendwettbewerb "Ideen säen – Zukunft ernten". Bei den Themen gab es keine Einschränkung. Es konnte um Schule, Ausbildung, Freizeit, Familie, Alt, Jung, Landwirtschaft, Natur, Verkehr oder Technik gehen – oder ganz einfach darum, sich wohl zu fühlen auf dem Land.

Was läuft gut und kann noch besser werden? Was würdet Ihr tun, wenn Ihr Gemeinderäte, Kreisräte oder Minister wärt? Wie wollt Ihr Euch für das Leben auf dem Land engagieren? Und welche Ideen habt Ihr für die ländliche Zukunft?

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Bis zum Stichtag 15. Oktober 2009 waren 43 Beiträge eingegangen. Eine Jury hat zehn Siegerbeiträge ermittelt. Sachpreise und Gewinne in Höhe von bis zu 3.000 Euro warten auf die Gewinner.

Ich danke den Mitgliedern der Jury, die sich intensiv mit den Wettbewerbsbeiträgen beschäftigt und um eine faire Bewertung bemüht haben. Es war sicher nicht leicht, von den insgesamt guten und kreativen Beiträgen die besten Ideen zu prämieren. Außerdem danke ich dem nexus-Institut, das mit seiner hervorragenden Leistung die Durchführung des Wettbewerbs ermöglicht hat.

Ich freue mich, die Siegerehrung für die Preisträger im Bundeswettbewerb "Ideen säen - Zukunft ernten" vornehmen zu dürfen. Allen Preisträgern darf ich an dieser Stelle ganz herzlich gratulieren. Ich würde mich freuen, wenn Ihre guten Ideen viele Nachahmer finden.

Pressemitteilung

Weitere Informationen zum Wettbewerb und zur Veranstaltung

Diese Seite

Zusatzinformationen

Die Ministerin

Ilse Aigner

App in den Wald

Waldfibel-App (verweist auf: Die Waldfibel)

Die Waldfibel als App fürs iPhone, iPad und Android Smartphone

Wert von Lebensmitteln

Jedes Mahl wertvoll! (verweist auf: Wert von Lebensmitteln)

Über zeitgemäße, genussreiche, gesunde Esskultur, über Verbraucherwünsche und Ernährungstraditionen und über die Vielfalt unserer Lebensmittel.

Lebensmittelkennzeichnung

Logo www.lebensmittelklarheit.de (verweist auf: BMELV-Inititiative "Klarheit und Wahrheit")

Portal der Verbraucherzentralen, gefördert durch das BMELV im Rahmen der Initiative "Klarheit und Wahrheit"

Lebensmittelsicherheit

Schriftzug von der Internet-Seite www.lebensmittelwarnung.de - Das Portal der Bundesländer (verweist auf: Internetplattform www.lebensmittelwarnung.de der Länder zur Verbraucherinformation über Lebensmittelwarnungen (Öffnet neues Fenster))

Auf einen Blick: Warnungen und Informationen der Öffentlichkeit zur Lebensmittelsicherheit

Charta für Landwirtschaft und Verbraucher (verweist auf: Informationen zur Charta)

Am 19. Januar 2012 hat Bundesministerin Ilse Aigner die "Charta für Landwirtschaft und Verbraucher" vorgestellt.

Veranstaltungen

BMELV im Web 2.0

YouTubeKanal des BMELV BMELV auf Twitter BMELV auf Twitter und YouTube folgen

Videos

Bundesregierung-YouTube-Kanal (verweist auf: YouTube-Kanal der Bundesregierung (Öffnet neues Fenster))

Video

Logo der Deutschen Gebärdensprache (verweist auf: Übersicht der Gebärdensprachfilme)

Übersicht der Gebärdensprachfilme

Unternavigation aller Website-Bereiche