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"Dem Nachwuchs gehört die Zukunft"

Begrüßungsrede zum Jungwinzerkongress "Größe ist nicht alles!" – Qualität – Nachhaltigkeit - Markt

Datum:
25.03.10
Ort:
Stuttgart, ICS
Redner:
Parlamentarische Staatssekretärin Julia Klöckner

Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede,

die INTERVITIS hat auch dieses Mal wieder einiges zu bieten – nicht zuletzt Dank eines beeindruckenden und abwechslungsreichen Rahmenprogramms. Einer der ganz großen Höhepunkte ist zweifelsohne der Jungwinzertag.

Bereits heute Vormittag konntet Ihr Fachforen zu aktuellen Themen rund um den Wein besuchen, zum Beispiel zur Weiterbildung, zum umweltschonenden Weinbau oder auch zu den neuen Weinkategorien. Die Zeit danach haben sicherlich viele von Euch für einen Messerundgang genutzt. Nun steht also der Jungwinzerkongress an.

Und ich muss sagen, es freut mich wirklich sehr, mit dabei sein zu dürfen.

Die junge Winzergeneration – kreativ, innovativ, vernetzt

Dies hat vor allem einen Grund: Hier trifft sich die Winzergeneration des 21. Jahrhunderts, die Zukunft unseres Weinbaus in Europa.

Wenn ich in die Runde blicke, sehe ich viele junge Menschen, bei denen man förmlich spürt, dass sie etwas bewegen wollen mit neuen Ideen, mit Engagement und mit einer klaren Linie.

Ihr verfügt über eine hervorragende Ausbildung, seid motiviert und zielstrebig. Und was ich bei meinen Begegnungen mit jungen Winzern immer wieder erlebe: Sie packen die Dinge an und schrecken auch vor anstrengender Arbeit nicht zurück. Zusammen mit einer gesunden Portion Ehrgeiz und Selbstbewusstsein sind das die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft.

Schon Goethe wusste: "Man muss jung sein, um große Dinge zu tun." Deshalb ist aus meiner Sicht wichtig, dass Ihr Eure Chance bekommt – und zwar Eure ganz persönliche Chance, um Eure Pläne zu verwirklichen und Eure Visionen mit Leben zu füllen.

Ich weiß, dass es nicht immer ganz leicht ist, in einem Familienbetrieb den Generationenwechsel zu organisieren. Nicht selten gibt es Enttäuschungen.

Man erlebt, dass die eigenen Vorstellungen bei den Eltern – vorsichtig ausgedrückt – auf Skepsis stoßen, nach dem Motto: Das haben wir noch nie so gemacht, das kann nur schief gehen. In solchen Fällen ist es unter Umständen hilfreich, wenn man auf erfolgreiche Beispiele verweisen kann oder andere mutige Mitstreiter findet.

Kurz gesagt: Man muss die Dinge gemeinsam mit Gleichgesinnten vorantreiben. Für Euch ist es heute selbstverständlich, über den viel zitierten Kirchturm hinauszublicken. Das beweisen nicht zuletzt zahlreiche überbetriebliche Initiativen und Kooperationen.

Wo gestern noch Eure Eltern und Großeltern im Familienkreis oder allenfalls mit befreundeten Winzern aus der Nachbarschaft sozusagen über den Gartenzaun hinweg die neuesten Erfahrungen ausgetauscht haben, treten heute globale Internetforen und soziale Netzwerke. Dank moderner Kommunikationsmittel schrumpft die Welt auf die Größe eines Dorfes.

Und auch Ihr macht von diesen Möglichkeiten Gebrauch. So gibt es wohl kaum einen jungen Winzer, ein Weingut oder eine Region, die nicht ihre professionelle Website hätte.

Aber die Gemeinschaft darf sich nicht nur virtuell, sie muss sich zumindest hin und wieder auch real treffen. Gemeinsame Jung- oder Fassweinproben lassen sich nun Mal nicht ins Internet verlagern.

Gleiches gilt für die Besichtigung eines Betriebes oder Rundgänge durch die Weinberge. Für den Erfolg braucht es eben auch praktische Erfahrungen, Begegnungen und direkte Gespräche! Deswegen sind Veranstaltungen wie der europäische Jungwinzerkongress so wichtig!

"Größe ist nicht alles!"

Die Erkenntnis, dass Größe nicht alles sein kann, gibt in den kommenden beiden Stunden die Richtung für die Diskussion vor.

Ich bin mir sicher, dass wir hierzu anschließend noch interessante und aufschlussreiche Beiträge hören werden. Beiträge, die deutlich machen werden, dass es nicht immer nur um "Wachsen oder Weichen" gehen kann – dies gilt zumindest dann, wenn man "Wachsen" als quantitative Größe versteht.

Anders sieht die Sache aus, wenn wir "Wachstum" unter einem qualitativen Gesichtspunkt betrachten. Denn gerade qualitatives Wachstum ist für viele Familienbetriebe und kleinere Genossenschaften das Gebot der Stunde.

Was es heißt, qualitativ zu wachsen, macht Ihr, die junge Winzergeneration, bereits seit Jahren deutlich. Im Mittelpunkt steht dabei ein ganzheitlicher Ansatz, der den gesamten Produktionsablauf mit einbezieht: Von der nachhaltigen, Ressourcen schonenden Pflege des Rebstocks über eine fortschrittliche, qualitätsfördernde Weinbereitung, die traditionelle Verfahren mit moderner Technik verbindet, bis hin zu einer verbraucherorientierten Vermarktung.

Diese Kette ist ein wichtiger Bestandteil, wenn nicht sogar der Pflichtteil eines modernen Betriebskonzeptes. Hinzu kommt die persönliche Note, also die Kür des Programms.
Das heißt, ich muss mich entscheiden, auf welche Botschaft ich meine Unternehmensphilosophie ausrichten will, worin meine besonderen Stärken liegen.

Dabei bietet sich bei Wein zum Beispiel der regionale Bezug als Alleinstellungsmerkmal an. Mittlerweile findet auch in Deutschland der "Terroir"-Gedanke immer mehr Anhänger. Viele Betriebe schaffen sich sogar ihr eigenes Klassifizierungssystem, um sich von anderen abzuheben.

Doch es reicht nicht immer aus, sich allein über die regionale Herkunft zu definieren. In diesen Fällen muss der Kriterienkatalog erweitert werden. So lässt sich Wein bekanntlich mit vielen spannenden, attraktiven Dingen kombinieren: mit gutem Essen, mit Kunst und Kultur, mit Tourismus – selbst mit Architektur!

Damit wird das gesamte Weingut zu einer unverwechselbaren Marke. Letztendlich gibt es kein allgemeingültiges Rezept. Ihr müsst Euren eigenen Weg finden. Das Schöne ist, dass viele von Euch bereits bewiesen haben, wie gut sie es können.

Politik mitgestalten

Wenn ich mit jungen Menschen spreche, liegt mir noch etwas anderes sehr am Herzen: sie zu ermuntern, sich stärker in die Politik einzubringen. Ich weiß, dass viele von Euch in dieser Hinsicht bereits sehr aktiv sind. Die deutsche Landjugend gibt zum Beispiel regelmäßig Stellungnahmen zu aktuellen weinbaupolitischen Fragen ab.

Trotzdem glaube ich, dass sich gerade die junge Generation im Konzert der großen Politik mit Blick auf das Engagement jedes Einzelnen noch mehr Gehör verschaffen könnte.
Denn im politischen Tagesgeschäft rücken Eure Interessen schnell in den Hintergrund.

Vielen jungen Menschen ist die Politik eben fern – sie wollen sich, was ganz verständlich ist, auf ihre Zukunft oder die Zukunft ihres Betriebs konzentrieren.

Dabei wäre es so wichtig, dass möglichst viele von Euch die Rahmenbedingungen für die Zukunft, für Eure Zukunft, mitgestalten helfen. Also: Bringt Euch in die Politik ein. Gebt Eurer Stimme mehr Gewicht! Auch deshalb freue ich mich auf den direkten Kontakt mit Euch.

Und eines noch ganz zum Schluss: Bewahrt Euch Eure Leidenschaft für den Wein.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen nun spannende Diskussionen und viele neue Anregungen – und Euch dann vor allem auch viel Spaß bei der anschließenden Jungwinzerparty!

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